Liebe Freunde von Future 4 Kids,

wie neulich angekündigt, möchten wir heute den ausführlichen, und sehr emotionalen Bericht von Louisa und Verena veröffentlichen. Wir finden es sehr beeindruckend und haben großen Respekt vor ihrem Engagement und Mut. Der Bericht ist sehr ausführlich, und absolut lesenswert.

Bitte nehmt Euch die Ruhe und Zeit, und lasst die Zeilen auf Euch wirken.


 

Deutsche Botschaft Athen, Dezember 2016

„Das sieht gut aus“, betont die freundliche Botschaftsmitarbeiterin in Athen und strahlt mich dabei an. Immer wieder nickt sie mir aufmunternd zu, während sie die Unterlagen sichtet. Ein dicker Leitz-Ordner voller Dokumente. Jede einzelne Seite sorgfältig aufbereitet, kopiert, gescannt und beamtenfreundlich abgeheftet. In dem Visa Antrag, den wir für die Familie unseres Nähers Khaled Barkel stellen, stecken Monate intensive Arbeit, Nerven, Geld und Emotionen.

Die letzten Unterlagen und die Pässe der Kinder kamen vorgestern in Deutschland an - so kurz vor unserem Termin in der Botschaft, dass wir die Flüge nach Athen auf gut Glück buchen mussten. Es ist kaum zu glauben, dass wir in diesem ganzen Prozess bisher nicht einen Tag zu viel verstreichen ließen, und dennoch sind wir jetzt schon genau ein Jahr an der Familienzusammenführung von Familie Barkel dran.

„So einen gut vorbereiteten und vollständigen Antrag hat die Botschaft sicher selten gesehen“, denke ich, während ich langsam wage zurück zu lächeln. Ich bin nicht alleine hier. Gihan und ihre beiden Kinder sehen mich lächeln und wissen: bald ist es geschafft.

„Das sieht wirklich sehr gut aus, es ist alles da“, sagt die Beamtin am Schalter und lächelt immer noch …… „es fehlen nur noch 4 Stempel aus Beirut“.

In diesen Sekunden spielt sich in meinem Inneren alles ab, was wir dieses Jahr durchgemacht haben, um jetzt und hier endlich am Schalter der Botschaft in Athen zu stehen, und den vollständigen Visa- Antrag einzureichen. Ich bin fassungslos und wie gelähmt. Die Tränen strömen in einem stummen verzweifelten Fluss meine Wangen hinunter, und ich ermahne mich selbst. Bleib stark! Wir haben bis hier eisernen Willen bewiesen, und uns an alle bürokratischen Hürden gewöhnt.

Wir haben uns durch nichts aufhalten lassen. Keine Grenzen, kein Geld, keine Regierung sollte uns davon abhalten diese Familie zusammenzubringen.

„Vier Stempel?“ frage ich zurück: „es sind doch überall Stempel drauf“.
Verzweiflung legt sich auf meine Stimme. Khaleds Frau steht neben mir.
Alle Hoffnungen liegen in diesem Termin.
Vier Stempel machen diese gerade zunichte.  Gihan versteht nichts, aber sie sieht meine Tränen.

In Gedanken bin ich jetzt bei Louisa. Was würde sie tun?
„Weine nicht vor Gihan“ ermahnt sie mich. Aber wie soll ich ihr erklären, dass wir an vier Stempel scheitern?
„Wir scheitern nicht“, sagt Louisa in meiner Vorstellung.

 

„Die Dokumente sind vor-legalisiert. Zur finalen Legalisierung müssen sie diese zur Deutschen Botschaft nach Beirut schicken“.
„Das dauert 6 Wochen plus der Versand“, wiederhole ich für Louisa am Telefon, was mir eben in der Botschaft erklärt wurde. Insgesamt nochmal ca. 8 Wochen.

„Ich fliege nach Beirut“. Louisa stellt das nicht in Frage.
8 Wochen sind 8 Wochen zu viel, das wissen wir beide. In Deutschland bereiten sich alle auf Weihnachten vor, während im Flüchtlingsheim in Lamia, wo die Familie jetzt untergebracht ist, die kalte Bergluft durch die offenen Löcher in der Wand zieht. Schließbare Fenster gibt es in der ehemaligen Hotelanlage - jetzt Bauruine – nicht mehr. Nur für Fenster vorgesehene Löcher.

Was bis dahin geschah:
Idomeni, Ende Mai 2016
Das Idomeni Lager wurde durch Militärgewalt von 4000 Soldaten und Bulldozern geräumt.
Ich werde diesen Anruf von damals nie vergessen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich an das Telefonat denke, das Louisa und ich in dieser Nacht führten.
Louisa war mit Khaled, nach unserer Spendenaktion bei Future 4 Kids, ein zweites Mal nach Idomeni gereist. Und sie war in genau diesen vier Tagen dort, als das Flüchtlingslager an der Grenze zu Mazedonien geräumt wurde.

Sie hat den 5-Punkte-Plan am eigenen Leib erfahren:
Zunächst wurden die NGOs (Nichtregierungsorganisation) unfreiwillig abgezogen. Das hieß: keine Ärzte ohne Grenzen, kein UN-Kinderhilfswerk und keine Nahrungsmittel mehr im Camp. Als nächster Schritt wurde den Ehrenamtlichen, die ohne Organisation vor Ort waren - wie Louisa - der Zutritt verwehrt. Während dieser Tage wurde der „freiwillige Abtransport“ von Frauen und Kindern forciert. Auch Louisa versuchte unsere Familien zum freiwilligen Gehen in andere Camps zu bewegen. Denn nachdem auch Journalisten der Zutritt -und somit die Berichterstattung- verwehrt wurde, war klar was als nächstes kommen wird:

die gewaltsame Auflösung des Camps.

„Verena, was ist los hier? Die lassen uns nicht mehr rein, aber wir waren doch gerade Einkaufen - der ganze Kofferraum ist voll Essen für unsere Familien. Sag mir, was hier los ist, ich habe kein Internet“. Mir wird schlecht, wenn ich an diese Nacht denke. Louisa und Khaled waren nicht die Einzigen, viele tausend Geflüchtete liefen auf den Straßen rund um das Camp. Das Militär lässt ausnahmslos niemanden mehr zurück in das Camp.
Eine junge Familie mit Säugling klopfte an das Fenster unseres Mietwagens. Es war eiskalt draußen, und Niemand hatte damit gerechnet, von den Zelten und Decken ausgeschlossen zu werden. Viele Familien wurden an diesem Abend (erneut) zerrissen.
Zeitgleich berichteten die ersten Medien über die Umsetzung des Punkte-Plans. Louisa, und viele andere Freiwillige, nicht mehr vorzulassen war Teil davon.
Ich wusste nicht, ob ich ihr raten soll, sich zu ihrer eigenen Sicherheit fernzuhalten. Dann brach die Verbindung ab, und sie hatte keinen Akku mehr.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie die Einkäufe unter den vielen Menschen auf der Straße verteilt haben, und sich mit Kopftuch getarnt bei Nacht durch das Gebüsch bis ins Camp geschlichen haben. Sie erzählt mir heute noch mit zitternder Stimme, dass alle als Helfer erkennbaren Personen sofort von Polizisten festgenommen wurden.
Louisa verhüllte sich deshalb und mischte sich unter die Geflüchteten.  So konnte Khaled vor Abreise noch einmal seine Familie in die Arme schließen. Keiner wusste in diesem Moment, wann und wo sie sich das nächste Mal wiedersehen.

Lamia, Juli 2016
Das nächste Wiedersehen erfolgte ca. 2 Monate später im besagten Camp von Lamia, der Bauruine.
Erneute machte sich Louisa zusammen mit Khaled auf nach Griechenland um die Spendengelder von Future 4 Kids an unsere Familien zu verteilen.
Dieses Mal flog eine Mutter mit ihrem 9 Jährigen Sohn mit, deren Töchter zusammen mit dem Vater in Griechenland zurückgeblieben sind. Zurückgeblieben- auf der Flucht von Syrien nach Deutschland.
Louisa hilft auch dieser Familie die Dokumente für die Famlienzusammenführung zu bekommen. Die 12- und 14-Jährigen Töchter sehen ihre Mutter nun nach mehr als einem Jahr gewaltsamer Trennung wieder. Ein wahrer Glücksmoment für die Familie und für Louisa, die die Reise organisierte.

In Lamia angekommen, kümmerte sie sich gemeinsam mit Khaled und anderen freiwilligen Helfern aus Spanien um die Verbesserung des Camps.
Mit Hilfe der Spendengelder wurden Ventilatoren und Kerzen gekauft, denn nachts „kühlen“ die Zimmer auf gerade mal 35 Grad runter. Tagsüber steht die Luft bei 42 Grad. Die Zimmer sind mehr als überfüllt. Louisa und Khaled schliefen mit 15 Personen in einem 20qm Zimmer mit nur sechs Matratzen. Es wurde, und wird dort immer noch, in Schichten geschlafen – nachts die Frauen und Kinder, tagsüber die Männer und Heranwachsenden.

Schicht-Schlaf-Verhältnissen in Lamia

Louisa berichtet mir von depressiven Zuständen der Erwachsenen und den Kindern, die förmlich nach Normalität schreien. Zusammen mit weiteren NGOs beschließt sie, den Zustand -zumindest für die Kinder - erträglicher zu machen. Ein kleines Klassenzimmer entsteht, in welchem abwechselnd Kinder und Erwachsene Tanz, Englisch und Spanisch-Unterricht bekommen.

Ein Klassenzimmer entsteht

Bis heute kommen viele der NGOs wieder und wieder um das Klassenzimmer am Leben zu erhalten und all den „Vergessenen“ des Krieges Hoffnung zu schenken.

Mit den Kindern werden Wandertage in die Berge und Ausflüge zum Strand und umliegende Dörfer organisiert, die mit sehr viel herzlichster Liebe und Freunde angenommen werden.

An Louisas und Khaleds letzten Tage kommen sogar ein Großteil der Eltern mit auf die Ausflüge. Louisa schickte mir wunderschöne Fotos von den Ausflügen in die Berge.

Ausflug in die Berge

An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an all die Spenden, die über Future 4 Kids eingegangen sind. Ohne diese wäre all das nicht möglich gewesen.

Dezember 2016

Es ist Samstagnacht Anfang Dezember, und ich sitze im Flieger von Athen nach Beirut. Wir haben alles versucht mich am Freitag, von Athen aus, noch ordentlich in der Botschaft in Beirut anzumelden. Es gibt ein Online-Terminvergabesystem, das leider über Stunden Aussetzer hatte. Schlussendlich haben wir darauf vertraut, dass die Ansage des Anrufbeantworters gilt, und man Montag und Donnerstag von vormittags vorbeikommen kann um syrische Urkunden zu legalisieren.

Beirut, Montag, 12. Dezember 2016
Ich steige aus dem Taxi und traue meinen Augen kaum. Es ist Punkt 8.00 Uhr morgens und mindestens 200 wartende Geflüchtete stehen im Pulk vor der Botschaft. Weitere 100 werden in Warteschlangen eingereiht.

In Anbetracht der vielen bewaffneten militärischen Security wird mir mulmig. Während ich mich in eine der Warteschlangen einreihe, spricht mich ein -mit Maschinengewehr bewaffneter Soldat- an:
„You are nervous“. Ja, das bin ich wirklich. Nicht nur wegen der mir bedrohlich erscheinenden Gesamtsituation in der unbekannten Menschenmasse, sondern vor allem, wegen meiner Mission.

Bekomme ich heute die ersehnten Stempel?
Ich darf vortreten und lege meinen deutschen Pass in die Schublade des Sicherheitstrakts. Während die Beamtin ihn eindringlich mustert, erkläre ich mein Anliegen. Sie bittet mich zu warten.
Lange Sekunden vergehen und dann die niederschmetternde Nachricht: „Ich habe gerade von meiner Vorgesetzten eine E-Mail erhalten. Ich wurde angewiesen Sie explizit nicht einzulassen“.

Der Boden schwankt unter mir. Ich möchte diskutieren, aber ich bringe nur Gestammel hervor.
Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit an meiner eigenen Landesbotschaft abgewiesen zu werden. Namentlich! Meine Gedanken überschlagen sich.
Ich will die Vorgesetzte sprechen, will erklären, dass es ein Notfall ist, will mich über das Vorgehen beschweren…  doch schon wurde ich vom gleichen freundlichen Aufpasser mit Maschinengewehr weggeschleust. Das war´s!

Zurück in Deutschland versuchen wir die Fakten zu ordnen, und uns der Bürokratie erneut zu beugen.
Auf der Website der Botschaft finde ich die Info, dass es seit 8. Dezember 2016 die neue Terminregelung gibt, 2 Tage bevor ich an der Pforte abgewiesen wurde. Man darf Unterlagen nur noch per Post einschicken. Wer hätte gedacht, dass es „zum Schluss“ nochmal so kompliziert wird. Wir schicken sie also für 74 EUR per Express ein.
Weihnachten, Feiertage, Neujahr… Selbst in Deutschland nicht die beste Zeit, wenn man dringend Stempel von einem Amt benötigt.
Khaled glaubt uns derzeit nicht mehr, dass wir es überhaupt noch auf legalem Weg schaffen werden. Wir beruhigen ihn, glauben doch noch an die Deutsche Verwaltung.

Mitte Januar erreicht uns dann die Horrornachricht: die Urkunden haben die Stempel nicht erhalten. Der Weg ist also gescheitert.
Ich telefoniere mit der Botschaft in Athen. Frage, was jetzt noch zu tun sei, will wissen, wann wir die bereits eingereichten Urkunden wieder abholen können.
Ich höre eigentlich schon nicht mehr richtig zu, als mich das Wort AUSNAHME aus meiner Lethargie reißt. Ich wage nicht nachzufragen, zu ernüchternd waren die Ereignisse bisher. „Wenn Sie einen DNA-Test mit einem Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft durchführen würden, könnte ich dem Antrag ausnahmsweise doch noch stattgeben“.

Ich bin hellwach und back in the game! Rufe Louisa an. Wir trauen uns beide nicht zu hoffen. Louisa erzählt mir, dass wir schon vor einem Jahr einen DNA Test durchgeführt haben, der in der Botschaft in Izmir als ungültig erklärt wurde. Damals waren sie noch in der Türkei, bevor sie über das Mittelmeer nach Griechenland geflohen sind. Der erneute DNA-Test soll uns nochmal 670 EUR kosten. Wir sind uns einig: es ist die letzte Chance.

Der Tag als sie das Visum in Athen in der Botschaft abholen durften.

Es war die letzte Chance, und am Ende ging alles ganz schnell.
Die Ergebnisse des Vaterschaftstests waren positiv. Wieder haben wir keine Sekunde gewartet, und sie noch in der gleichen Stunde an die Botschaft weitergeleitet und wieder gebangt. Ich rief am nächsten Morgen die Botschaft an. Es war das Telefonat vor dem wir am meisten Angst hatten, denn jetzt würde sich alles entscheiden.

„Ich habe dem VISA Antrag gerade stattgegeben“.

Das Universum bleibt für einen Moment stehen. Tiefe Freude bei allen Beteiligten, Dankbarkeit und Ruhe macht sich in uns breit. Eine Ruhe nach dem Sturm.

Seit dem 28.2. sind Khaleds Frau Gihan und die Zwillinge bei uns in Riedlingen. Die Wohnung hatten wir bereits vor Monaten organisiert. Alles Weitere wird sich finden.

Die glücklichen Kids in ihrem neuen Zuhause in Deutschland.

Khaled ist seither wie ausgewechselt. Unsere LOVJOI Familie ist gewachsen. An ihren Aufgaben und mit den Menschen, die wir kennengelernt haben. Mit den Menschen, die uns unterstützt haben diesen Weg weiterzugehen.

Vielen Dank an ALLE Helfer und besonders an Future 4 Kids, die uns dieses Spendenkonto ermöglicht hat.

Verena und Louisa,
mit dem besten Team und den tollsten Freunden der Welt.